Xontormia Express 1185

Aus Eressea
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Wir schreiben die zweite Woche des Monats Feldsegen im Jahre 38 des 
zweiten Zeitalters. Es ist Sommer.

Liebe Leserschaft,

wieder kann eine Ausgabe des XE erscheinen. Ein langer Beitrag wurde verfasst.

Der Taubenschlag für Artikel ist: express@eressea.de

Ein wachsendes Archiv des XE findet der geneigte Historiker in den magischen Sphären: https://wiki.eressea.de/index.php/Kategorie:Xontormia_Express

Noch ein Hinweis zum Format der einzusendenden Artikel: Bitte die Welt angeben, zu der der Artikel gehört. Ebenso eine Überschrift und den Autor. Das hilft sehr bei der Zuordnung.

Beispiel:

1. Welt
Titel: Geschehen dort
Autor: Schreiberling
Text: Viel ist passiert, keiner hat es gesehen.

Und nun wünscht die Redaktion viel Spaß beim lesen.

15. Welt

Die größte Taverne Eresseas

von einem anonymen Beobachter

Gerade eben in Jackals

Mühsam öffnet Frédéric seine Augen und muss sie sofort wieder schließen. Das grelle Licht, und dann auch noch diese lauten Geräusche. Beim zweiten Versuch schirmt er mit einer Hand seine Augen gegen die Sonne ab, während er mit der anderen versucht, sich gleichzeitig beide Ohrenzuzuhalten. Auch von unten wird er geblendet, doch die Lichtblitzer auf den Wellen in der Bucht sind, zusammen mit dem salzigen Geruch der See, eine Wohltat für seinen geschundenen Körper. Mehrere Schiffe liegen vor Anker, darunter sicher eins, das einen fähigen Segler wie ihn zurück nach Serpens bringen kann. Während er glücklich das Meeresaroma genießt, bringt eine Brise einen neuen Geruch heran. Vom Brauturm, in dem wie immer Hochbetrieb herrscht, weht das unverkennbare Bieraroma heran. Erinnerungen und andere Dinge kommen in Frédéric hoch, bevor er wieder in die Schwärze zurückfällt.

Vor etlichen Monaten, irgendwo zwischen 15. und 16. Welt

Warum er die rechtzeitige Rückkehr an Bord verpasst hat, vermag Frédéric nicht wirklich zu sagen. An sich war er genauso froh, dem langweiligen Dienst auf der Gletscherbarriere entkommen zu sein, wie alle anderen Soldaten der Maîtres. Schnell hatte sich die aufregend klingende Friedensmission in einen langweiligen Routinedienst verwandelt, nachdem die unnachgiebige freundliche Umarmung des Monopols alle Feindseligkeiten der ehemaligen Kriegsgegner erstickt hatte. Sicher, ein paar Untote alle paar Monate brachten Abwechslung, aber zu wenig, um das Leben in dieser Ödnis erträglich zu machen. Endlich, nach Jahren, war schließlich Ablösung in Form von Orks gekommen, deren geistige Fähigkeiten wohl besser zu dieser Aufgabe passten.

Die anstehende Rückkehr nach Serpens hätte also eine Erlösung für ihn sein müssen, doch wirklich bereit fühlte er sich nicht, im Gegensatz zu fast allen seiner Kameraden, die begeistert vom einfachen Leben in der Heimat schwärmten. Es hatte schon seinen Grund, dass er sich damals freiwillig gemeldet hatte. Gut, darunter, andere Länder zu sehen, hatte er sich spannenderes vorgestellt, als eine strategisch äußerst wichtige aber landschaftlich nach kurzer Zeit ermüdende Eisbrücke durch die Feuerwand. Da hatte ihn das Militär wohl ein bisschen verarscht. Doch jetzt, auf der Rückfahrt, als wie auf der Hinfahrt eine Insel nach der nächsten an ihm vorbeizog, ohne dass Zeit gewesen wäre, ihre Geheimnisse zu ergründen, musste er wohl beschlossen haben, dass das nicht alles gewesen sein konnte. Also war er irgendwann einfach von einem kurzen Landaufenthalt nicht zurückgekehrt.

Sein Status als Soldat der Maîtres reichte erstaunlicherweise aus, um mühelos umherzureisen. Wenn man wusste, wie man mit den Bürokraten zu reden hatte, konnte man von ihnen praktisch alles bekommen und sofern man nicht zu gierig wurde, fiel auch niemandem auf, dass man gar nicht hier sein dürfte. Endlich war er frei, herumzureisen, neue Inseln zu erkunden und zu tun was er wollte.

Vor einigen Wochen in Serpens Maior

Zufrieden blickt Prince Phillipp vom Kirchturm über sein kleines Reich. Abgesehen von einigen wenigen Außenstellen sind seine geliebten Untertanen nun endlich wieder vereint. Mit der Ankunft der Truppen aus dem Westen war die letzte große Expedition der Maîtres beendet. Nicht, dass es ihn glücklich macht, aber man muss sich nun mal an die Zeiten anpassen. Alle Feinde sind besiegt, alle Grenzen ruhig, kein Ärger in Sicht. Das stehende Heer ist weiter in Bereitschaft und die Flotte klein aber beinahe ausreichend zu vollständigen Verschiffung. Und sollte die Ruhe doch noch einmal gestört werden, ist eine Mobilisierung mit Hilfe der unendlichen Ressourcen der Verbündeten schnell möglich. Doch sollte man sich das wünschen? Eine schwierige Frage, über die er schon öfter ergebnislos nachgedacht hatte und die er auch heute, auf dem Weg zurück in seine Gemächer nicht beantworten können würde.

Sein alter Freund Emile reißt ihn auf halbem Weg aus seinen Gedanken, mit der Bitte um ein kurzes Gespräch. Der ehemalige Inquisitor ist seit einiger Zeit für die Kommunikation mit den niederen Bürokraten des Monopols zuständig, seit sich herausgestellt hat, dass er mit seiner Prinzipienreiterei und seiner Begeisterung für Regelwerke ideal für den Umgang mit diesen Kleingeistern geeignet ist. Üblicherweise verrichtet er seine Arbeit dankenswerterweise selbstständig und geräuschlos, doch heute scheint es ein Problem zu geben. "Es geht um die Kostenstelle "Gletscherbarriere" zur internen Verrechnung, die wir nach dem Ende der Operation löschen wollten", kommt Emile wie immer gleich zur Sache. "Diese Teufel haben sich geweigert und behaupteten ausdauernd, dass die Operation noch laufe, denn es würden weiter regelmäßig Kosten verbucht," fährt er fort. "Zwar nur unbedeutende Summen, aber immer wieder. Ich verlangte natürlich Belege, doch die wollten sie nicht herausrücken und meinten nur, das sei nicht nötig, sie würden sich niemals irren." "Natürlich nicht", entgegnet Phillipp, "aber wie ich euch kenne, habt ihr schließlich die richtigen Vorschriften gefunden, um sie umzustimmen. Also was genau haben wir für ein Problem?" "Jetzt kommt erst das richtig Seltsame." Bei diesen Worten blitzen in Emiles Augen die alten Inquisitoreninstinkte auf. "Nachdem ich sie mit ihren eigenen Verwaltungsvorschriften so weit in die Enge getrieben hatte, dass kein Ausweg mehr verblieb, als zu gestehen, änderten sie plötzlich ihre Meinung. Das Konto sei ausgeglichen, die Kostenstelle deaktiviert und alle Akten in die Tiefen des Archivs verbannt. Das stinkt doch, und zwar gründlich." "Für mich klingt das nicht wie ein Problem, das unsere Aufmerksamkeit verdient. Irgendwer wird seine Formulare zu spät eingereicht haben, und die Erbsenzähler waren zu unflexibel, um das ohne Wichtigtuerei abzuschließen." Die Erklärung wird nicht reichen, dessen ist sich Phillipp bewusst, und er behält recht, denn so leicht lässt sich Emile nicht von seinem Entschluss, endlich wieder Feinde des Reichs zu jagen, abbringen.
"Möglich, aber mein Gefühl sagt mir, dass es mehr als das ist", beharrt dieser. "Ich bitte um Genehmigung, mit dem geplanten Transport nach Fetzenfisch zu reisen und dort mit einer der Schwestern das Archiv zu durchsuchen bis wir zum Grund der Sache vorgedrungen sind." Ein Fanatiker dessen Jagdinstinkt nach Jahren wieder geweckt ist und eine der explosiven Schwestern mit extrem kurzen Geduldsfaden gegen die versammelten Bürokraten des zentralen Archivs? Die Aussicht auf die tagelangen Erklärungen und Beschwichtigungen, ganz zu schweigen vom Papierkram und den Rechnungen für all die absehbare Zerstörung und Körperverletzung bringt Prince Phillipp an den Rand einer Migräne. Und das alles wegen ein paar handvoll Münzen, deren Spur sich nicht genau zuordnen lässt, und die nicht einmal den Staatsetat belasten? "Es tut mir leid alter Freund, aber ich kann deiner Bitte nicht entsprechen. Es ist kein finanzieller Schaden entstanden und es herrscht Frieden. Alle sind zufrieden, es gibt keine Feinde, die wir verfolgen müssten und es bringt nichts, den Verwaltungsapparat unnötig in Aufruhr zu versetzen. Lasst die Sache ruhen." Phillipp bezweifelt, dass die Angelegenheit damit beendet ist, obwohl er, widerwillig, noch ein eindeutiges "Und dass wir uns verstehen, das ist ein Befehl!" hinzufügt. Emile nickt zwar grimmig und beendet das Gespräch mit ein paar höflichen aber kurzen Floskeln, doch das Feuer in seinen Augen ist nicht erloschen.

Etwa zur gleichen Zeit in Jackals

Beim Anblick der Liste bleibt Frédéric das Frühstück im Hals stecken. Fein säuberlich aufgezählt sind dort alle Leistungen der letzten Monate, für die er keine einzige Silbermünze lockermachen musste. Ein selbstbewusstes Auftreten und ein kurzes Vorzeigen seiner Armeebescheinigung hatten gereicht und er konnte bekommen was er wollte. Und jetzt, hier auf dieser Liste kann er es auf den Tag genau nachlesen. Jede Überfahrt, jede Unterkunft, sämtliche Mahlzeiten, Reparaturen der Ausrüstung und sogar gewisse Dienste, bei denen ihm versichert wurde, dass seine Daten nicht weitergeleitet würden. Am Ende, ganz unten steht eine Summe, die nicht stimmen kann. Die Zahl ist erschreckend hoch. Und die Endsumme darunter ist sogar doppelt so hoch, nach Addition einer ominösen „Servicegebühr Tilgung“ von 100%.

Die Botschaft enthält noch ein weiteres Blatt. Frédéric wartet lange darauf, dass sein Körper sich beruhigt, aber irgendwann ist der Schock zwar weg, aber die Anspannung wird nicht weniger, also kann er es genauso gut auch jetzt lesen.

„Werter Freund. Mir ist zu Ohren gekommen, dass eure Ausgaben in der Heimat einigen Wirbel verursacht haben und dieser nun eure sorgenfreie Lebensweise gefährden. Ich habe mir daher die Freiheit genommen, eure Schulden auszugleichen und alle entsprechenden Spuren zu verwischen. Ich hoffe ihr versteht, dass ihr zukünftige Ausgaben besser aus eigener Tasche und mit nicht zurückverfolgbarer Barzahlung tätigen solltet. Was die Begleichung eurer Schulden mir gegenüber angeht, sowie die Kompensation meiner nicht unerheblichen Ausgaben in dieser Angelegenheit, da macht euch keine Sorgen. Wir werden sicher zu einer für beide Seiten angenehmen Lösung finden. Vorerst ergibt sich die glückliche Fügung, dass ihr mir aufgrund eurer Lage, beziehungsweise eures Aufenthaltsorts einen Gefallen tun könnt. Mir ist zu Ohren gekommen, dass auf der Insel auf der ihr euch derzeit befindet in Kürze Die größte Taverne Eresseas mit einer großen Feier eingeweiht werden soll. Da unsere Heimat weit entfernt ist und die Herrscher an solcherlei Dingen nur begrenzt Interesse haben, wurde versäumt, einen offiziellen Vertreter unseres Volkes zu dieser historischen Feier zu schicken. Diesen Missstand möchte ich gerne, zumindest inoffiziell, beseitigen. Ihr steht bereits auf der Gästeliste, und für dieses eine besondere Mal könnt ihr ausnahmsweise all euren eigenen Konsum anschreiben lassen, ohne euch um die Rechnung sorgen zu müssen. Alles was ich dafür verlange ist, dass ihr einen unterhaltsamen Artikel über die Feier und Die größte Taverne Eresseas schreibt, den ich in meiner Zeitung veröffentlichen kann. Das ist euer offizieller Auftrag. Daneben werdet ihr inoffiziell einige Personen treffen und ein paar Botschaften in meinem Namen übermitteln. Mein Mitarbeiter wird euch über alles weitere informieren. Behandelt seine Worte, als kämen sie direkt von mir.“

„Fertig?“ fragt der Handlanger. Frédéric nickt schon ist er die Botschaft los. Sein Gegenüber wirft die Papiere in die brennende Feuerstelle und wartet, bis nur noch Asche übrig ist. „Hast du dir ja alles gemerkt, muss man nicht aufheben. Komm jetzt mit, ich erkläre dir die Details unterwegs, wir müssen uns beeilen, damit wir noch rechtzeitig kommen.“ Damit verlassen die beiden die Herberge.

Jetzt in Jackals

Langsam kommt Frédéric wieder zu sich. Wirklich gut geht es ihm nicht. Welcher Tag ist überhaupt heute? Und warum ist es viel zu warm für die Jahreszeit? Wie lange ging die Feier überhaupt und was ist da drin alles passiert? Das letzte, an das er sich halbwegs klar erinnert ist die Begegnung mit dieser Verbrechervisage. Danach nur noch Bruchstücke. Nach irgendeiner Biergit hat er gefragt und danach ist alles nur noch ein Rausch. Er saß an Tischen und unterhielt sich mit irgendwelchen Leuten, schlief unter Tischen (hoffentlich nicht mit irgendwelchen Leuten), Tanzte auf Tischen (hoffentlich nicht allein, sondern mit irgendwelchen Leuten), Stritt, prügelte und vertrug sich mit irgendwelchen Leuten, besuchte die Toiletten (kurze Momente der Ruhe) und dann alles wieder von vorn. Hatte er seine Aufträge erledigt? Hoffentlich. Es fühlte sich so an, obwohl er sich nicht genau erinnerte. War vermutlich besser so. Aber sollte er nicht auch noch einen Artikel für die Zeitung schreiben? Wann war der überhaupt fällig? Und was sollte er schreiben? Er konnte die größte Taverne Eresseas zwar von hier aus von außen sehen, aber alle Erinnerungen an das Innere waren verschwommen. Und eins war sicher: So bald würde er keinen Fuß mehr dort hinein setzen. Also würde er sich wohl ein paar Geschichten ausdenken müssen und seine wenigen undeutlichen Erinnerungen gehörig ausschmücken. Er hatte so das Gefühl, dass es seinem Auftraggeber eher auf die Wirkung, als den Wahrheitsgehalt des Artikels ankam.